Nacht und Finsternis

Gott ist Licht. Und nirgend ist Finsternis in Ihm. Aus der Finsternis ließ Gott das Licht erstrahlen, das nun in unserem Inneren leuchtet und uns den Weg der Erkenntnis weist zur Offenbarung Gottes. Das ist das Licht, das ausgeht vom Antlitz Christi. Wir tragen diesen Schatz in uns in zerbrechlichen Gefäßen, und wir wissen: Alle Schöpfermacht entstammt dem Göttlichen, ist nicht uns zu eigen... Das Sichtbare verfällt der Vergänglichkeit, das Unsichtbare ist ewig...

Das (auch) menschliche Leben vollzieht sich in einem rhythmischen Wechsel. Einer dieser offenbaren Wechsel ist der Wechsel von Tag- zu Nachtbewußtsein. Dieser Sachverhalt ist allen Menschen so selbstverständlich, dass nahezu niemand sich der Mühe unterzieht, einmal die Frage zu stellen, worin denn der tiefere Hintergrund dieses Wechsels liegt.
Hier soll nun in aller Bescheidenheit versucht werden, etwas Licht in die Dunkelheit der Nacht zu bringen. In unseren Nächten liegen wir in der Regel in unserem Bett und haben unser Tagesbewußtsein nicht zur Hand. Wenn man geisteswissenschaftlich an diesen Umstand heran geht, dann kann man manche Feststellung machen, die in das normale Tagesleben hineinspielt.
Bevor wir jedoch uns dem Tiefschlaf zuwenden, verweilen wir an den Nahtstellen, dem Einschlafen und dem Aufwachen...
Es heißt da sinnfällig nach einem verschiedenen Beginn: ...euch sucht meine Seele, in das Göttliche strebet sie, mit Ihm vereint sie ihr Wesen, aus dem Reich der Daseinshüllen tritt bewußt mein Ich!!!!!!! Am Morgen dreht sich der ganze Sinn um und beginnt mit: Es tritt bewußt mein Ich, in das Reich der Daseinshüllen, mit dem Göttlichen einte die Seele sich, in Es weilte sie, in Ihm ruhte ihr Wesen...
Es kann auffallen, dass die Rede von einem Ich ist, dem, was den Menschen von den Tieren unterscheidet. Hier nun giebt es einen interessanten Zusammenhang mit der Nacht und ihrer Finsternis:

Ich schaue in die Finsternis,
In ihr entsteht Licht,
Lebendes Licht,
Wer ist dies Licht in der Finsternis?,
Ich bin es selbst in meiner Wirklichkeit,
Diese Wirklichkeit des Ich,
Tritt nicht ein in mein Erdendasein,
Ich bin nur Bild davon,
Ich werde es aber wieder finden,
Wenn ich, guten Willens für den Geist,
Durch des Todes Pforte gegangen...

In einem kleinen Liedchen hat uns schon Goethe auf einen Zusammenhang zwischen Schlaf und Tod aufmerksam gemacht:

Tod ist ein langer Schlaf, Schlaf ist ein kurzer, kurzer Tod, der lindert dir und jener tilgt des Lebens Not, Tod ist ein langer Schlaf.....

In diesem Sinne eine gute Nacht und ein erquickter neuer Morgen

Ab hier nun soll begonnen werden, sich der Frage zuzuwenden, was wir von dem uns umgebenden Lichte zu halten haben. Da kann man nur mit dem Tatbestand beginnen, nämlich dem, dass der uns umgebende Kosmos dunkel und gleichzeitig lichtdurchflutet ist. Das Licht muß also unsichtbar sein und offenbart sich, wenn ein Sichtbares sich in diesen Lichtraum "hineinstellt". Nicht nur wird dieses Sichtbare sichtbar, nein, gleichzeitig erhellt sich die Umgebung bis zu einem gewissen Grade.
In dieser Tageshelle, in der wir Menschen leben können, sehen wir den Himmel, der blau ist, weil in seinem Hintergrund eine Dunkelheit sich ausbreitet, die von unsichtbarem Licht durchflutet vorgestellt sein muß. Mit der Sonne offenbaren sich die kämpfenden roten Farben zu Tagesbeginn und zu seinem Ende. Dieses Außen mit seinen Sternen und Weiten und Umgebungen findet sich wieder in einem Inneren. In diesem Wechsel muß sich das Lebendige vorgestellt werden:

In den unermeßlich weiten Räumen, in den endenlosen Zeiten, in der Menschenseele Tiefen, in der Weltenoffenbarung, suche, des großen Rätsels Lösung.

Erfüllung geht,
durch Hoffnung,
geht durch Sehnen,
durch Wollen,
Wollen weht,
im Webenden,
Weht im Bebenden,
Webt bebend,
webend bindend,
im Finden,
Findend windend,
Kündend.

Hier soll nun noch eingeschoben sein, für den verehrten Leser, eine kleinere Geschichte, die gedacht ist in Zusammenhang mit den sogenannten 13 Heiligen Nächten, also der Zeit zwischen dem Heiligen Abend und Drei König. Ausgehend von dem Gedanken, dass es besondere Nächte sein mögen, ist das Folgende der Öffentlichkeit zugänglich gemacht...

Das Traumlied des Olaf Åsteson
So höre meinen Sang! Ich will dir singen Von einem flinken Jüngling: Es war das Olaf Åsteson, Der einst so lange schlief. Von ihm will ich dir singen.

Er ging zur Ruh´ am Weihnachtsabend, ein starker Schlaf umfing ihn bald, Und nicht konnt´ er erwachen, Bevor am dreizehnten Tag Das Volk zur Kirche ging. Es war das Olaf Åsteson, Der einst so lange schlief. Von ihm will ich dir singen. Er ging zur Ruh´am Weihnachtsabend, Er hat geschlafen gar lange! Erwachen konnt´ er nicht, Bevor am dreizehnten Tag Der Vogel spreitet die Flügel! Es war das Olaf Åsteson, Der einst so lange schlief. Von ihm will ich dir singen. Nicht konnte erwachen Olaf, Bevor am dreizehnten Tag Die Sonne über den Bergen glänzte. Dann sattelt´ er sein flinkes Pferd, Und eilig ritt er zu der Kirche. Es war das Olaf Åsteson, Der einst so lange schlief. Von ihm will ich dir singen.

Schon stand der Priester am Altar lesend die Messe, Als an dem Kirchentore sich Olaf setzte, zu künden Von vieler Träume Inhalt, Die in dem langen Schlafe Die Seele ihm erfüllten. Es war das Olaf Åsteson, Der einst so lange schlief. Von ihm will ich dir singen. Und junge und auch alte Leute, Sie lauschten achtsam der Worte, Die Olaf sprach von seinen Träumen. Es war das Olaf Åsteson, Der einst so lange schlief. Von ihm will ich dir singen.

Ich ging zur Ruh´am Weihnachtsabend. Ein starker Schlaf umfing mich bald; Und nicht konnt´ ich erwachen, Bevor am dreizehnten Tag Das Volk zur Kirche ging. Der Mond Schien hell Und weithin dehnten sich die Wege.

Erhoben ward ich in Wolkenhöhe, Und in den Meeresgrund geworfen, Und wer mir folgen will, Ihn kann nicht Heiterkeit befallen. Der Mond Schien hell Und weithin dehnten sich die Wege.

Erhoben ward ich in Wolkenhöhe, Gestoßen dann in trübe Sümpfe, Erschauend der Hölle Schrecken Und auch des Himmels Licht. Der Mond Schien hell Und weithin dehnten sich die Wege.

Und fahren mußt´ ich in Erdentiefen, Wo furchtbar rauschen Götterströme. Zu schauen nicht vermocht´ ich sie Doch hören konnte ich das Rauschen. Der Mond Schien hell Und weithin dehnten sich die Wege.

Es wiehert´ nicht mein schwarzes Pferd, Und meine Hunde bellen nicht, Es sang auch nicht der Mondenvogel, Es war ein einzig Wunder überall. Der Mond Schien hell Und weithin dehnten sich die Wege.

Befahren mußt´ ich im Geisterland Der Dornenheide weites Feld, Zerrissen ward mir mein Scharlachmantel Und auch die Nägel meiner Füße. Der Mond Schien hell Und weithin dehnten sich die Wege.

Ich kam an die Gjallarbrücke. In höchsten Windeshöhen hänget diese, Mit rotem Gold ist sie beschlagen Und Nägel mit scharfen Spitzen hat sie. Der Mond Schien hell Und weithin dehnten sich die Wege.

Es schlug mich die Geisterschlange, Es biß mich der Geisterhund, Der Stier, er ward in Weges Mitte. Das sind der Brücke drei Geschöpfe, Sie sind von furchtbar böser Art. Der Mond Schien hell Und weithin dehnten sich die Wege.

Gar bissig ist der Hund, Und stechen will die Schlange, Der Stier, er dräut gewaltig! Sie lassen keinen über die Brücke, Der Wahrheit will nicht ehren! Der Mond Schien hell Und weithin dehnten sich die Wege.

Ich bin gewandelt über die Brücke, Die schmal ist und schwindelerregend. In Sümpfen mußt´ ich waten... Sie liegen nun hinter mir! Der Mond Schien hell Und weithin dehnten sich die Wege.

In Sümpfen mußt` ich waten, Sie schienen bodenlos dem Fuß. Als ich die Brücke überschritt, Da fühlt´ ich im Munde Erde Wie Tote, die in Gräbern liegen. Der Mond Schien hell Und weithin dehnten sich die Wege.

An Wasser kam ich dann, In welchen wie blaue Flammen Die Eismassen hell erglänzten... Und Gott, er lenkte meinen Sinn, Dass ich die Gegend mied. Der Mond Schien hell Und weithin dehnten sich die Wege.

Zum Winterpfad lenkt´ ich die Schritte. Zur Rechten konnt´ ich ihn sehn: Ich schaute wie in das Paradies, Das weithin leuchtend strahlte. Der Mond Schien hell Und weithin dehnten sich die Wege.

Und Gottes hohe Mutter, Ich sah sie dort im Glanze! Nach Brooksvalin zu fahren, So hieß sie mich, kündend, Dass Seelen dort gerichtet werden! Der Mond Schien hell Und weithin dehnten sich die Wege.

In andern Welten weilte ich Durch vieler Nächte Längen; Und Gott nur kann es wissen, Wie viel der Seelennnot ich sah In Brooksvalin, wo Seelen Dem Weltgerichte unterstehen.

Ich konnte schauen einen jungen Mann, Er hatte einen Knaben hingemordet: Nun musste er ihn ewig tragen Auf seinen eigenen Armen! Er stand im Schlamme so tief, In Brooksvalin, wo Seelen Dem Weltgerichte unterstehen.

Einen alten Mann auch sah ich, Er trug einen Mantel von Blei; So ward gestraft, dass er Im Geize auf der Erde lebte, In Brooksvalin, wo Seelen Dem Weltgerichte unterstehen.

Und Männer tauchten auf, die feurige Stoffe trugen; Unredlichkeit lastet Auf ihren armen Seelen In Brooksvalin, wo Seelen Dem Weltgerichte unterstehen.

Auch Kinder konnt´ ich schauen, Die Kohlengluten unter ihren Füßen hatten; Den Eltern taten sie im Leben Böses, dass traf gar schwer ihre Geister In Brooksvalin, wo Seelen Dem Weltgerichte unterstehen.

Und jenem Haus zu nahen, Es ward mir auferlegt, Wo Hexen Arbeit leisten sollten Im Blute, das im Leen sie erzürnt, In Brooksvalin, wo Seelen Dem Weltgerichte unterstehen.

Vom Norden her, in wilden Scharen, Da kamen geritten böse Geister, Vom Höllenfürst geleitet, In Brooksvalin, wo Seelen Dem Weltgerichte unterstehen.

Was aus dem Norden kam, Das schien vor allem böse: Voran ritt er, der Höllenfürst, Auf seinem schwarzen Rosse In Brooksvalin, wo Seelen Dem Weltgerichte unterstehen.

Doch aus dem Süden kamen In heerer Ruhe andre Scharen. Es ritt voran Sankt Michael An Jesu Christi Seite In Brooksvalin, wo Seelen Dem Weltgerichte unterstehen.

Die Seelen, die sündenbeladen, Sie mussten angstvoll zittern! Die Tränen rannen in Strömen Als böser Taten Folgen. In Brooksvalin, wo Seelen Dem Weltgerichte unterstehen.

In Hoheit stand da Michael Und wog die Menschenseelen Auf seiner Sündenwaage, Und richtend stand dabei Der Weltenrichter Jesu Christ. In Brooksvalin, wo Seelen Dem Weltgerichte unterstehen.

Wie selig ist, wer im Erdenleben Den Armen Schuhe gibt! Er braucht nicht mit nackten Füßen Zu wandeln im Dornenfeld. Da spricht der Waage Zunge, Und Weltenwahrheit Ertönt im Geistesstand.

Wie selig ist, wer im Erdenleben Den Armen Brot gereicht! Ihn können nicht verletzen Die Hunde jener Welt. Da spricht der Waage Zunge, Und Weltenwahrheit Ertönt im Geistesstand.

Wie selig, wer im Erdenleben Den Armen Korn gereicht! Ihm kann nicht drohen Das scharfe Horn des Stieres, wenn er die Gjallarbrücke überschreiten muß. Da spricht der Waage Zunge, Und Weltenwahrheit Ertönt im Geistesstand.

Wie selig ist, wer im Erdenleben, Den Armen Kleider reicht! Ihn können nicht erfrieren Die Eismassen in Brooksvalin. Da spricht der Waage Zunge, Und Weltenwahrheit Ertönt im Geistesstand.

Und jung und auch alte Leute, Sie lauschten achtsam der Worte, Die Olaf sprach von seinen Träumen. Du schliefest ja gar lange... Erwache nun, o Olaf Åsteson.

Moskau, Weihnachten 2009/ 2010

Ich schaue in die Finsternis,
In ihr entsteht Licht,
Lebendes Licht.
Wer ist dies Licht in der Finsternis?
Ich bin es selbst in meiner Wirklichkeit.
Diese Wirklichkeit des Ich
Tritt nicht ein in mein Erdendasein,
Ich bin nur Bild davon,
Ich werde es aber wieder finden,
Wenn ich,
Guten Willens für den Geist,
Durch des Todes Pforte gegangen.

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